Tief im Wald sind die Stämme von Jahrhunderte alten Tannen gestapelt: gefällte Riesen aus einem der letzten Urwälder Europas, aufgereiht für das Sägewerk. Entlang eines unbefestigten Waldwegs, weitab der Touristenpfade, lagern die Baumstämme von alten Eichen und Eschen – der Beweis für illegale Abholzung, klagen Umweltschützer. Die Fällung gefährde die Heimat des Bisons im Nationalpark Bialowieza, ganz im Osten von Polen.
“Einige der Bäume wurden von der polnischen Forstverwaltung illegal gefällt”, sagt der polnische Umweltschützer Adam Bohdan. “Das verletzt europäisches Recht.” In Brüssel haben die Ökologen jetzt Alarm geschlagen. Im August reichten sie bei der EU-Kommission Klage wegen der Missachtung von Umweltschutzvorschriften ein. Vor dem Umweltministerium in Warschau entrollte Greenpeace ein Banner mit einem riesigem Herzen und der Aufschrift “I love puszcza”, zu deutsch: “Ich liebe den Wald”. Das Ministerium ordnete schließlich einen vorläufigen Fällstopp an.
Der Wald von Bialowieza erstreckt sich über 150.000 Hektar entlang der polnischen Grenze zu Weißrussland. Ein Teil der Wälder sind Schutzgebiet und zählen zum Weltnaturerbe und Biosphärenreservat der UNESCO. Menschliche Eingriffe sind dort nur sehr eingeschränkt erlaubt, Besucher dürfen sich nur auf bestimmten Routen bewegen. Im gesamten Wald sind 20.000 Spezies zuhause, darunter 250 Vogelarten und 62 Säugetiere – wie zum Beispiel Europas größter Säuger, der Wisent. Auch Europas größte Bäume, 50 Meter hohe Tannen, stehen in Bialowieza.
“Bialowieza ist einzigartig”, sagt der Direktor des Nationalparks, Zdzislaw Szkiruc. “Der Wald existiert, seit das Eis der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren geschmolzen ist.” Der Nationalpark umfasst 16 Prozent des Waldes auf polnischer Seite. Weitere 20 Prozent stehen unter besonderem Schutz. Umweltschützer fordern jetzt, dass der ganze übrige Wald zum Nationalpark erklärt wird.
Bei den Anwohnern stößt das auf Skepsis. “Wir müssen auch an die Menschen denken, die am Wald wohnen”, sagt der Bürgermeister der 2400-Einwohner-Gemeinde Bialowieza, Albert Litwinowicz. “Als der Nationalpark zuletzt erweitert wurde, brachte das mehr Nachteile als Vorteile. Die Regierung hat Geld versprochen, aber bei uns ist kein Cent angekommen.” Die Anwohner hätten Angst, künftig nicht mehr Beeren oder Pilze im Wald sammeln zu dürfen, so wie sie das seit jeher machten, sagt Litwinowicz. “Und die Waldarbeiter fürchten um ihre Arbeit.”
Die Sorgen der Anwohner könnten den Ausschlag geben für die Zukunft des Nationalparks. Denn nach polnischem Recht entscheiden die örtlichen Volksvertreter über eine Ausweitung von Schutzgebieten – auch das würden Umweltschützer gerne ändern. Bürgermeister Litwinowicz hat Verständnis für solche Pläne. “Natürlich gehört uns der Wald nicht allein. Er gehört allen Polen, er gehört zu Europa. Die Anwohner der Region können nicht allein über seine Zukunft entscheiden.” Aber übergangen werden dürften sie auch nicht, sagt der Bürgermeister. “Warum sollten sie die einzigen sein, die den Preis dafür zahlen?”